Nepal Emergency Appeal

Bericht über unsere Arbeit in den Bergen nach dem verheerendem Erdbeben in Nepal

Eigentlich sollte es eine ganz normale Reise werden, so wie sie all die anderen jungen Menschen auch machen, die mal für längere Zeit ins Ausland gehen. Fünf Monate war ich in Indien und dort habe ich Menschen aus Nepal kennen gelernt, die mich mit ihren Geschichten und ihrer Art für dieses Land begeistern konnten. Also habe ich im Dezember 2014 beschlossen, meine Reise noch um drei Monate zu verlängern und ab Anfang März 2015 für drei Monate nach Nepal zu reisen. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Eigentlich wollte ich auch schon immer mal dieses Land kennenlernen, denn meine Eltern sind große „Nepal-Fans“, sie haben mir immer wieder in meinem Leben von ihrer großen Nepalreise vor 30 Jahren erzählt und mich oft auf Foto- und Videovorträge über dieses Land mitgenommen. Dieses Land und seine Menschen, die einzigartige, magisch wirkende Naturgewalt der Berge und der Bergdörfer, der einfache Lebensstil, diese völlig fremd, aber doch vertraut wirkende Gesellschaft und die hinduistisch-buddhistische Religion ziehen einen sofort in ihren Bann. Zusammen mit Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt habe ich dieses Land bereist, wir waren zusammen trekken, haben Ökodörfer in den Bergen besucht und haben auf einer Farm in der Nähe von Pokhara gewohnt.

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(Farm in Pokhara)

Drei Tage vor meinem 25. Geburtstag sollte sich dann alles ändern, am 25.04.2015 war das erste Erdbeben. Zuerst war es nur ganz schwach, mein erster Gedanke war, dass mal wieder eine Büffelherde an der Farm vorbeizieht – doch dann wurde es stärker und ich habe realisiert, dass die Erde in Bewegung war. Ich war zu dem Zeitpunkt im Obergeschoss der schon erwähnten Farm in der Nähe von Pokhara, einem Natursteinhaus. Irgendjemand schrie „Erdbeben“ und wir sind alle so schnell wie möglich aus dem Haus raus und auf die Wiese neben dem Haus gerannt.
Der ganze Boden war am Vibrieren und es war schwer, die Balance zu halten, es fühlte sich ungefähr so an, wie wenn du in einem Bus stehst und dich an keinem Haltegriff festhalten kannst. Zum Glück war das Haus stark und bis auf ein paar herausgefallene Steine aus einer Mauer der Außenbegrenzung des Grundstückes und ein paar Risse im Putz gab es keine größeren Schäden. Doch es ging weiter, in regelmäßigen Abständen kamen Nachbeben an und im Endeffekt war die Rückwand der Farm nach dem dritten oder vierten Nachbeben doch etwas schräg. Wir haben dann beschlossen, die ersten Tage erst einmal draußen zu campieren, die Nachbeben hörten auch erst einmal nicht auf. Ich hatte Glück, in Pokhara war das Erdbeben weitaus weniger stark als in Langtang und Kathmandu. Dann begannen die Sorgen, ein Großteil meiner Freunde war noch in Kathmandu in einem Hotel direkt am Durbar Square, der, wie wir durch das Radio erfahren haben, komplett zerstört war. Die Handy- und Internetnetze in ganz Nepal waren kaputt bzw. überlastet und die Straße nach Kathmandu war nicht passierbar. Die Tage nach dem Erdbeben waren geprägt von Sorge um meine Freunde und als dann die Telefon- und Internetnetze wieder funktionierten begann das große Suchen. Wir versuchten Infos über unsere Freunde herauszufinden, besorgte Eltern von unseren Freunden schrieben uns auf Facebook, weil sie Fotos von mir mit ihren Kindern von vor dem Erdbeben auf Facebook gesehen hatten. Nach meinem Geburtstag, als die Straße nach Kathmandu sicher wieder hergestellt war, sind wir sofort nach Kathmandu aufgebrochen. Dort haben wir erst realisiert, wie groß das Maß der Zerstörung eigentlich war, die Bauten in Pokhara sind alle doch etwas moderner und das Erdbeben hat in Kathmandu weitaus heftiger zugeschlagen als in Pokhara.

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(einpacken der Hilfslieferungen beim Haus von Sudips Eltern)

In Kathmandu haben wir dann zusammen mit 20 Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt eine Hilfsgruppe gegründet, teilweise Freunde, teilweise Menschen, die inzwischen zu guten Freunden geworden sind. Wir haben als Basisstation das Haus der Eltern von Sudip, einem gutem Freund aus Nepal, bezogen und haben von dort aus unsere Freunde und unsere Familien in unseren Heimatländern angeschrieben und eine riesige Resonanz erhalten. Mit den Geldern aus Europa und anderen Teilen der Welt, die wir so zusammen bekommen haben, konnten wir einen Jeep und einen Bus mieten und Hilfsgüter wie Reis und andere Lebensmittel sowie Medikamente und Baumaterialien erwerben. Zusammen sind wir dann in die Berge in den Sindhupalchowk District im Langtang National Park gefahren. Unser erster Stopp war Kharkadanda, Kiul-9, ein kleines Bergdorf in 3500 m Höhe, wo wir in der Nähe einer Schule unser Camp aufgeschlagen haben, um von dort aus die Hilfe zu organisieren. Hier war alles bis auf die Schule zerstört und die meisten Dorfbewohner hatten kein Dach über dem Kopf und nicht genug zu essen.

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(Gruppenfoto mit der Schule)

Wir haben also angefangen, in kleinen Teams von drei – vier Menschen Hütten für die DorfbewohnerInnen zu bauen. Meine erste Einsatzstelle war mitten im Dschungel, wo eine Frau mit zwei Kindern bereits eine notdürftige Konstruktion aus Holz und einem Dach hatte, unter der all ihre Sachen lagen. Die Konstruktion haben Nachbarn für sie gebaut, weil ihr Mann beim Erdbeben umgekommen war. Wir haben dort mit unserem Team mit Baumaterialien, die wir aus ihrem zerstörten Haus entnommen haben, ihren Unterstand zu einer richtigen kleinen Hütte umgebaut und haben ihr Reis und Linsen gegeben, damit sie für sich und ihre Kinder Dal Baht (das nepalesische Nationalgericht) kochen konnte. Danach hat unsere Kleingruppe den Nachbarn geholfen und wir haben dort von Null aus angefangen, zwei Hütten für eine insgesamt 12-köpfige Familie zu bauen.
Insgesamt waren wir eine Woche dort in den Bergen, wir haben für ca. 8 Familien Hütten gebaut, 2 Jeeplieferungen voll mit Hilfsgütern abgeliefert und mithilfe eines nepalesischen Arztes unseres Teams medizinische Hilfe geleistet.

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(Konstruktion einer Notunterkunft zusammen mit einer Sherpafamilie)

Für mich war es vor allem erstaunlich, wie fröhlich und lebensfroh diese Sherpafamilien in den Bergen waren, trotz der Tatsache, dass sie alles verloren haben. In den Essenspausen haben wir so viel zusammen gelacht und insgesamt war die Arbeit zwar hart, aber aufgrund der Fröhlichkeit der Menschen wunderschön, obwohl es keine gemeinsame Sprache mit den Menschen dort gab.

Nach einer Woche sind wir dann zurück gefahren, haben ein paar Tage in unserer Basisstation in Kathmandu verbracht und dort den Nachbarn (unserem nepalesischem Arzt und einem guten Freund der Familie von Sudip) bei dem Bau von Hütten geholfen. Außerdem haben wir unsere Hilfslieferungen wieder aufgestockt, ein paar der HelferInnen mussten fahren, aber wir haben in Kathmandu neue HelferInnen dazugewinnen können.

Als wir wieder aufgebrochen sind kamen wir gerade in dem Dorf an, das wir für unsere nächste Hilfslieferung ausgewählt hatten, als zwei Minuten nachdem wir aus dem Bus ausgestiegen sind, das zweite große Erdbeben war. Und diesmal waren wir mittendrin. Diesen Moment werde ich nie in meinem Leben vergessen, der ganze Berg war am Vibrieren, wir haben große Erdrutsche gesehen und mehrere Häuser um uns und im Nachbardorf sind eingestürzt. Einige von uns sind hingefallen, wir haben einen dumpfen Knall gehört und später gesehen, dass 500 m vom Bus entfernt ein sehr großer Steinbrocken (siehe Foto) auf die Straße gefallen ist. Natürlich sind wir nach dem Erdbeben sofort zu den Häusern hingerannt und konnten zum Glück feststellen, dass in dem Dorf kein Mensch ernsthaft verletzt oder umgekommen war. Trotzdem waren wir nun genau dort, wo unsere Hilfe jetzt gebraucht wurde. Wir haben sofort unser Camp in einem Waldstück aufgeschlagen (nachdem wir mit den Dorfbewohnern zusammen beraten haben, welcher Platz nach einem erneuten Erdbeben wohl am sichersten sei). Von unserem Camp haben wir dann wieder in Kleingruppen an verschiedenen Baustellen in den umliegenden Dörfern Hütten gebaut, Lebensmittel abgeliefert und medizinische Hilfe bereitgestellt – diesmal hatten wir zwar keinen Arzt dabei, aber eine Krankenschwester, ebenfalls aus Deutschland. Außerdem haben wir diesmal auch eine Betreuung für die Kinder im Dorf organisiert, so dass die Eltern beim Bau der Hütten mithelfen konnten.

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(nach dem zweiten Erdbeben)

Vielleicht war es nur ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein.
In den Tälern, die wir im Langtang National Park durchquert haben, sind 90 % der Häuser zerstört. Mein guter Freund Sudip aus Nepal ist der Meinung, dass diese Erdbeben Nepal in der Entwicklung um mindestens 10 Jahre zurückwerfen. Trotzdem werden wir alle das Gefühl nicht los, in Nepal etwas gefunden zu haben – wir alle wollen unsere Arbeit nach dem Monsun fortsetzen. Dieser Dauerregen wird jetzt aufgrund der gelockerten Erde und den Rissen in den Bergen wahrscheinlich noch zerstörerischer als sonst.

Besonders danken möchte ich allen, die mitgeholfen haben: unserem Arzt, der trotz der Tatsache, dass sein eigenes Haus auch zerstört war, mit uns gekommen ist; unserem Busfahrer, der uns sicher auf 3500 m gebracht hat; Sudip, der uns in den Bergen mit Übersetzungen sehr geholfen hat; Sudips Eltern, die ihr Haus für uns als Basisstation zur Verfügung gestellt haben und unseren Freunden und unseren Familien, die für uns Spenden sammeln.

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